Medizinisches Cannabis / Cannabinoide bei chronischen Schmerzen: ein Leitfaden für die klinische Praxis

Experten sprechen ’schwache‘ Empfehlung für medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen aus

09.09.2021 In der Fachzeitschrift British Medical Journal spricht ein Gremium internationaler Experten eine ’schwache‘ Empfehlung für die Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen mit nicht-inhalativem medizinischen Cannabis oder Cannabinoiden (in Cannabis enthaltene Chemikalien) aus, wenn die Standardbehandlung nicht ausreicht.

Die Empfehlung gilt für Erwachsene und Kinder, die mit allen Arten von moderaten bis starken chronischen Schmerzen leben. Sie gilt nicht für gerauchte oder verdampfte Formen von Cannabis, nicht für das als Droge konsumierte Cannabis / Marihuana oder für Patienten, die eine Betreuung am Lebensende erhalten.

Die Empfehlung ist Teil der Initiative „Rapid Recommendations“ des BMJ, die darauf abzielt, schnelle und zuverlässige Leitlinien für die klinische Praxis zu erstellen, die auf neuen Erkenntnissen beruhen und Ärzten helfen sollen, bessere Entscheidungen mit ihren Patienten zu treffen.

Medizinisches Cannabis wird in zunehmendem Maße zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt, insbesondere in Ländern, die Maßnahmen zur Reduzierung des Einsatzes von Opioiden ergriffen haben. Die bestehenden Leitlinienempfehlungen sind jedoch uneinheitlich, und in vielen Ländern ist Cannabis für die therapeutische Verwendung nach wie vor illegal.

Herangezogene Studien

Die heutige Empfehlung stützt sich auf systematische Übersichten von 32 randomisierten Studien, die den Nutzen und die Risiken von medizinischem Cannabis oder Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen untersuchten: 39 Beobachtungsstudien, die die langfristigen Risiken untersuchten, 17 Studien zur Substitution von Opioiden durch Cannabis und 15 Studien zu den Werten und Präferenzen der Patienten.

Nutzen

Nach gründlicher Prüfung dieser Belege ist das Gremium zu der Überzeugung gelangt, dass nicht inhaliertes medizinisches Cannabis oder Cannabinoide zu geringen bis sehr geringen Verbesserungen der von den Patienten selbst angegebenen Schmerzintensität, der körperlichen Funktionsfähigkeit und der Schlafqualität, und zu keiner Verbesserung der emotionalen, sozialen oder funktionellen Fähigkeiten führen.

Risiken

Das Gremium fand keine Belege für einen Zusammenhang zwischen Psychosen und dem Konsum von medizinischem Cannabis oder Cannabinoiden, stellte jedoch fest, dass sie ein geringes bis bescheidenes Risiko für meist selbst begrenzte und vorübergehende Nebenwirkungen wie Konzentrationsschwäche, Erbrechen, Schläfrigkeit und Schwindel mit sich bringen.

Das Gremium war weniger zuversichtlich, ob die Verwendung von medizinischem Cannabis oder Cannabinoiden zu einem geringeren Opioidkonsum führt, und stellte fest, dass potenzielle schwerwiegende Risiken wie Cannabisabhängigkeit, Stürze, Suizidgedanken oder Suizid ungewöhnlich sind, aber diese Belege waren nur mit sehr geringer Sicherheit gegeben.

‚Schwache‘ Empfehlung

Die Empfehlung ist schwach, da ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Nutzen und Risiken von medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen besteht. Das Gremium sprach sich jedoch nachdrücklich für eine gemeinsame Entscheidungsfindung aus, um sicherzustellen, dass die Patienten Entscheidungen treffen, die ihren Werten und ihrem persönlichen Umfeld entsprechen.

Und sie schlagen vor, dass weitere Forschung Unsicherheiten wie die optimale Dosis und Verabreichungsform der Therapie sowie Nutzen und Risiken von inhaliertem medizinischen Cannabis untersuchen sollte, was diese Empfehlung ändern könnte.

In einem verlinkten Leitartikel begrüßen die Forscher diese neue patientenorientierte Leitlinie, weisen aber darauf hin, dass Kliniker auf die mit dem Vaping oder Rauchen von Cannabis verbundenen Schäden hinweisen, von der Selbstmedikation abraten und besonders auf gefährdete Bevölkerungsgruppen achten sollten.

© arznei-news.de – Quellenangabe: Medical cannabis or cannabinoids for chronic pain: a clinical practice guideline, www.bmj.com/content/374/bmj.n2040

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Diese Informationen sind NICHT als Empfehlung für ein bestimmtes Medikament zu verstehen. Auch wenn diese Berichte, Studien, Erfahrungen hilfreich sein können, sind sie kein Ersatz für die Erfahrung und das Fachwissen von Ärzten.

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