Missbrauch von Psychopharmaka als Party- und Freizeitdrogen

  • 04.10.2020 Recreational Use: Wenn psychotrope Medikamente als Party-, Freizeit- bzw. Rauschdrogen verwendet werden … zum Artikel
  • Weitere Infos, News zum Medikament Psychopharmaka

Recreational Use: Wenn psychotrope Medikamente als Party-, Freizeit- bzw. Rauschdrogen verwendet werden

04.10.2020 In der Freizeit – zu Rausch- / Entspannungszwecken – konsumierte Drogen (z. B. Cannabinoide, Kokain und MDMA/Ecstasy) scheinen die dopaminergen Signale im mesolimbischen Belohnungsweg zu verstärken, was wiederum die subjektive Belohnung und euphorische Wirkung solcher Moleküle verstärkt.

Umgekehrt spielt eine verringerte dopaminerge Übertragung im limbischen System eine Rolle bei Drogensucht, Entzug und Rückfall zum zwanghaften Drogenkonsum.

Während für die sogenannten Party- bzw. Freizeitdrogen die Begriffe “Missbrauch”, “Abusus”, “Abhängigkeit” und “Sucht” klar definiert sind, gibt es terminologische Verwirrung, wenn von therapeutisch verschriebenen Medikamenten bzw. Psychopharmaka die Rede ist.

Online Drogenforen, soziale Netzwerke, Psychonauten

Eine Reihe von verschriebenen Medikamenten werden derzeit in der Freizeit (Recreational Use), typischerweise in hohen/überhohen Dosierungen, als neue/neuartige psychoaktive Substanzen (NPS) konsumiert, schreibt Studienautor Fabrizio Schifano von der University of Hertfordshire im Fachblatt Psychotherapy and Psychosomatics.

Sowohl in Online-Drogenforen als auch in sozialen Netzwerken gibt es einige gebildete/informierte Benutzer (die “Psychonauten”), die eine Reihe von Molekülen, einschließlich verschreibungspflichtiger Psychopharmaka, “testen” möchten, um eine bestimmte Denkweise zu erreichen.

Ihre Informationen werden routinemäßig online untereinander ausgetauscht, und gefährdete Personen, darunter sowohl Kinder/Jugendliche als auch psychiatrische Patienten, können daher Gefahr laufen, auf diese “drogenfreundlichen” Daten zuzugreifen.

Psychopharmaka in hoher / Megadosis

Wenn bestimmte Psychopharmaka im Gegensatz zu therapeutischen Dosierungen auf Mega- und nicht auf therapeutischer Ebene selbst angewendet werden, können der damit verbundene Entzug, die anhaltende Wirkung nach dem Entzug und allgemeine Fragen der Verhaltenstoxizität besonders gravierend sein.

Wenn ein Antidepressivum in therapeutischer Dosierung reduziert (ausgeschlichen) wird, sind die Symptome in der Regel sowohl schwach / bleiben unbehandelt als auch spontan verschwindend.

Wenn jedoch hoch- oder mega-dosierte Antidepressiva, Gabapentinoide oder Benzodiazepine abgesetzt werden, müssen die intensiven Entzugssymptome immer angemessen und langfristig von einem Spezialisten behandelt werden.

Darüber hinaus kann das Spektrum psychotroper, mit der Einnahme verknüpfter Verhaltenstoxizitätssyndrome, die gelegentlich bei therapeutischen Dosierungen beobachtet werden, Veränderungen der Stimmung, der Wahrnehmungs-, kognitiven und psychomotorischen Funktionen, aber auch sowohl “paradoxe” (z.B. erhöhte Angst und Wut im Gegensatz zur Sedierung bei Benzodiazepinen) als auch “pendelnde” (z.B. exzessive/euphorische stimmungsaufhellende Veränderungen bei Antidepressiva) Arzneimittelwirkungen umfassen.

Der zunehmende Zugang zum Internet in den letzten 15 Jahren hat möglicherweise zum aktuellen Szenario des Missbrauchs und der missbräuchlichen Verwendung verschreibungspflichtiger Medikamente – insbesondere Psychopharmaka – beigetragen, wobei soziale Netzwerke eine Rolle bei der aggressiven Vermarktung/Distribution von verschreibungspflichtigen Medikamenten über unseriöse Websites gespielt haben.

Verzerrung der Berichterstattung über Studien

Zulassungsstudien beinhalten in der Regel die Verabreichung sorgfältig kontrollierter, täglich begrenzter therapeutischer Dosierungen, und Probanden mit einer aktuellen/vorherigen Vorgeschichte von Drogenmissbrauch werden ausgeschlossen.

Daher wird das mögliche Missbrauchspotenzial von Wirkstoffen nur dann voll ausgeschöpft, wenn die reale Kundenpopulation, inklusive gefährdeter Personen, dem Missbrauch ausgesetzt ist.

Aufgrund einer wahrscheinlichen Verzerrung der Berichterstattung nach dem Inverkehrbringen (z.B. dass Kliniker in der Regel nur solche Wirkstoffe kennzeichnen, die bereits als Risiko für Missbrauch und Fehlanwendung identifiziert wurden), sollte die Pharmakovigilanz eine Reihe technischer Hilfsmittel und Ansätze identifizieren, die über freiwillige Meldesysteme hinausgehen, schreibt Schifano.

Empfehlung an die Ärzte

In hoher/sehr hoher Dosierung kann eine Reihe von Psychopharmaka, darunter Antidepressiva, Antipsychotika und Gabapentinoide, als tatsächliche Missbrauchsdrogen selbst verabreicht werden.

Ärzte sollten wachsam sein, wenn sie Medikamente verschreiben, die ein Missbrauchs-/Fehlanwendungs-/Diversionspotenzial aufweisen, und das Risiko für einige Patienten sorgfältig daraufhin abwägen, ob sie zu einer Einnahme von hoch-/mega-dosierten Medikamenteneinnahme neigen – oft in Kombination mit Alkohol und illegalen Drogen.

Verschreibende Therapeuten sollten sich daher der Möglichkeit bewusst sein, dass psychiatrische Symptome vorgetäuscht werden, um bestimmte Psychopharmaka zu erhalten, schließt der Forscher.
© arznei-news.de – Quellenangabe: Psychotherapy and Psychosomatics (2020). DOI: 10.1159/000507897.



Schreiben Sie uns über Ihre Erfahrungen mit diesem Medikament:

Kommentare werden nach Prüfung auf Arznei-News.de freigegeben.
Machen Sie bitte keine persönlichen Angaben (wie Name, Geburtsdatum, Anschrift, Telefon-Nr., Email-Adresse etc.)!
Benutzen Sie bitte aus Lesbarkeitsgründen auch Komma, Punkt und Absatz. :-)