Antidepressiva: Häufigkeit von Absetzsymptomen

Bei einem von sechs Menschen, die Antidepressiva absetzen, treten als direkte Folge davon Absetzsymptome auf; Erwartungshaltung trägt zu Absetzsymptomen bei

Antidepressiva: Häufigkeit von Absetzsymptomen

06.06.2024 Wenn jemand die Einnahme von Antidepressiva stoppt, liegt das Risiko für ein oder mehrere Absetzsymptome (auch Entzugssymptome genannt) wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit und Reizbarkeit, die direkt auf das Absetzen des Medikaments zurückzuführen sind, bei 15 % (das entspricht einer von sechs bis sieben Personen), so das Ergebnis einer in The Lancet Psychiatry veröffentlichten systematischen Überprüfung und Metaanalyse.

Die Analyse ergab auch, dass Absetzsymptome, die von den Patienten als schwerwiegend beschrieben wurden und die zum Abbruch einer Studie oder zur Wiederaufnahme der Behandlung mit Antidepressiva geführt haben könnten, bei etwa 3 % (einer von 35) der Patienten auftraten, die Antidepressiva absetzten.

In früheren Studien wurde angenommen, dass mehr als die Hälfte der Patienten beim Absetzen von Antidepressiva unter Absetzsymptomen leiden und dass die Hälfte dieser Symptome schwerwiegend sind. Viele dieser Schätzungen beruhen jedoch auf Beobachtungsstudien, bei denen Ursache und Wirkung nicht zuverlässig bestimmt werden können.

„Diese Studien kommen zu teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen“, sagt Prof. Christopher Baethge, Wissenschaftler an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln und der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. „Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Öffentlichkeit diskutierte in den letzten Jahren sehr aktiv und manchmal auch emotional, wie häufig und schwer die Absetzsymptome nun eigentlich sind.“

Andererseits können gut durchgeführte randomisierte kontrollierte Studien (bei denen der einen Hälfte der Studienpopulation ein Placebo oder eine Scheinpille und der anderen Hälfte das Medikament angeboten wird) zuverlässiger zwischen Symptomen, die direkt durch das Medikament verursacht werden, und unspezifischen Symptomen unterscheiden, die möglicherweise durch die Erwartungen der Patienten oder der behandelnden Ärzte bedingt sind.

Häufigkeit von Absetzsymptomen

Ziel dieser Studie war es, alle verfügbaren Belege zu überprüfen, um die wahrscheinliche Häufigkeit von Absetzsymptomen, die direkt durch das Absetzen von Antidepressiva verursacht werden, die wahrscheinliche Häufigkeit schwerer Symptome und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Antidepressiva zu ermitteln. Die Forscher führten eine Überprüfung und Metaanalyse von 79 Studien (44 RCT und 35 Beobachtungsstudien) durch, die Daten von 21.002 Patienten enthielten, von denen 16.532 die Einnahme von Antidepressiva und 4.470 die Einnahme von Placebo abbrachen; das Durchschnittsalter lag bei 45 Jahren, und 72 % der Patienten waren Frauen.

„Unsere Auswertung zeigt, dass im Schnitt jede dritte Person nach Beendigung der Antidepressiva-Behandlung Symptome erlebt“, sagt Jonathan Henssler von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. „Allerdings ist nur die Hälfte der Symptomatik tatsächlich auf die Arzneimittel zurückzuführen.“

Höheres Risiko bei bestimmten Medikamenten

Insgesamt ergab die Analyse, dass ein Drittel (31 %) der Personen, die die Einnahme eines Antidepressivums abbrachen, mindestens ein Symptom wie Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit oder Reizbarkeit empfanden. Schwere Symptome traten bei etwa 3 % (einer von 35) auf. Das Absetzen von Imipramin (Tofranil), Paroxetin (Seroxat) und (Des-)Venlafaxin (Pristiq) war im Vergleich zu anderen Antidepressiva mit einem höheren Risiko für schwere Symptome verbunden.

Betrachtet man speziell die Ergebnisse randomisierter kontrollierter Studien, so stellte man fest, dass bei einem von sechs Patienten (17 %) beim Absetzen eines Placebos absetzungsähnliche Symptome auftraten. Dies deutet darauf hin, dass etwa die Hälfte aller Symptome, die beim Absetzen von Antidepressiva auftreten, auf negative Erwartungen („Nocebo-Effekt“) oder unspezifische Symptome zurückzuführen sein könnten, die in der Allgemeinbevölkerung jederzeit auftreten können. Zusammenfassend schätzen die Autoren, dass einer von sechs bis sieben Patienten (15 %) ein oder mehrere Absetzsymptome erfährt, die direkt durch das Absetzen von Antidepressiva verursacht werden.

Christopher Baethge: „Es ist wichtig, dass alle Menschen, die eine Behandlung mit Antidepressiva beenden wollen, ärztlich eng begleitet und im Falle von Entzugssymptomen individuell unterstützt werden. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Betroffenen und Behandelnden, schon vor Beginn einer Therapie, ist die Basis für eine gute Behandlung. Wir hoffen, dass unsere Daten diese unterstützen können und der aktuellen Verunsicherung entgegenwirken.“

© arznei-news.de – Quellenangabe: The Lancet Psychiatry (2024). DOI: 10.1016/S2215-0366(24)00133-0

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Beiträge zu “Antidepressiva: Häufigkeit von Absetzsymptomen”

  1. Guten Abend

    Ich versuche seit mehreren Jahren abzusetzen und es funktioniert nicht. Ich bin mehrmals durch die Hölle gegangen, da die absetz versuche mich so aus dem Leben gerissen haben. Ich habe in ärztlicher Begleitung versucht abzusetzen aber jedesmal war es zu schnell und die Folgen gefährlich!
    Ich finde, dass die Nebenwirkungen insbesondere beim absetzen viel mehr Aufklärung bedarf!
    Ich werde wahrscheinlich die nächsten 10 Jahre mit dem aus schleichen von paroxetin beschäftigt sein und bin deshalb mittlerweile arbeitsunfähig.

    Liebe Grüße

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