Harnwegsinfektion: Temocillin weist geringere Antibiotikaresistenz bei Darmbakterien auf

Klinische und mikrobiologische Wirksamkeit von Temocillin im Vergleich zu Cefotaxim bei Erwachsenen mit fiebrigen Harnwegsinfektionen, und dessen Auswirkungen auf die Darmmikrobiota

29.10.2021 Das in Vergessenheit geratene Antibiotikum Temocillin führte in einer in The Lancet Infectious Diseases veröffentlichten Studie zu einer geringeren Selektion resistenter Bakterien als die Standardbehandlung bei fiebrigen Harnwegsinfektionen. Demnach könnte Temocillin bei der Behandlung schwerer – mit Fieber einhergehenden – Harnwegsinfektionen von Nutzen sein und zu einer geringeren Verbreitung resistenter Bakterien in Krankenhäusern beitragen.

Escherichia coli

Die Bakterienart Escherichia coli (E. coli) macht einen großen Teil der normalen Bakterienflora des Darms aus. Gelangt E. coli jedoch an die falschen Stellen im Körper, etwa ins Blut oder in die Harnwege, kann es schwere Krankheiten verursachen.

E. coli ist die häufigste Ursache von Harnwegsinfektionen. Diese können oft mit Antibiotika in Tablettenform behandelt werden, aber manche Patienten erkranken so schwer, dass sie ins Krankenhaus aufgenommen und mit intravenösen Antibiotika behandelt werden müssen.

Vergleich mit Cefotaxim

Lange Zeit war es Standard, das Antibiotikum Cefotaxim für eine solche intravenöse Behandlung zu verwenden. Im Laufe der Zeit sind jedoch immer mehr Bakterien sowohl in Schweden als auch im Rest der Welt unempfindlicher gegen dieses Antibiotikum geworden, so dass eine Alternative gesucht werden musste, sagt Studienleiter Håkan Hanberger, Professor an der Universität Linköping und Facharzt für Infektionskrankheiten am Universitätskrankenhaus Linköping.

Die Forscher untersuchten Temocillin, ein Mitglied der Penicillin-Gruppe, das seit mehreren Jahrzehnten bekannt ist. Es wird in einigen anderen europäischen Ländern verwendet, ist aber z.B. in Schweden nicht auf dem Markt. Temocillin wirkt speziell gegen E. coli und andere Darmbakterien, die Harnwegsinfektionen verursachen können.

Es ist positiv, dass Temocillin keine Breitbandwirkung gegen viele verschiedene Bakterien hat, da dies das Risiko verringert, dass die Behandlung gegen die normale Bakterienflora des Darms wirkt. Dies veranlasste die Forscher zu untersuchen, ob Temocillin bei Darmbakterien weniger Resistenzen hervorruft als eine Behandlung mit dem Standardantibiotikum Cefotaxim.

Behandlung von Pyelonephritis

Sie untersuchten 152 Patienten mit fieberhaften Harnwegsinfektionen, auch bekannt als Pyelonephritis, die intravenös mit Antibiotika behandelt werden mussten.

Die Forscher konnten eindeutig feststellen, dass die Darmflora in der mit Temocillin behandelten Gruppe weniger beeinträchtigt war. Der Hauptgrund dafür ist, dass Temocillin zu einer geringeren Selektion resistenter Darmbakterien führt.

Die klinische Wirkung von Temocillin war ebenso gut wie die der Standardbehandlung mit Cefotaxim, und die unerwünschten Wirkungen waren ähnlich. Die Tatsache, dass Temocillin weniger aggressiv gegen die Bakterienflora im Darm wirkt, lässt vermuten, dass die Einleitung der Behandlung mit diesem vergessenen Antibiotikum bei Harnwegsinfektionen sowohl für die Patienten als auch für die Gesellschaft von Nutzen sein wird, schreiben die Studienautoren.

Die Folge wird sein, dass wir in Krankenhäusern eine geringere Selektion resistenter Darmbakterien erleben, was dazu beitragen kann, krankenhausbedingte Infektionen durch diese Bakterien zu reduzieren, sagt Håkan Hanberger.

© arznei-news.de – Quellenangabe: The Lancet Infectious Diseases (2021). DOI: 10.1016/S1473-3099(21)00407-2





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