Opioidentzug bei Opioidabhängigkeit

Definition des Opioidentzugs

Definition: Opioidentgiftung (Opioidentzug, -Detoxifikation) ist die physiologische oder medizinische Entfernung von Opioiden aus einem lebenden Organismus, einschließlich, aber nicht beschränkt auf den menschlichen Körper, was hauptsächlich durch die Leber geschieht. Es kann sich auch auf die Zeit des Entzugs beziehen, die der Organismus braucht, bis er nach einer langzeitigen Einnahme von Opioiden zu einer Homöostase zurückkehrt (s.a. Opioidabhängigkeit).

Achtsamkeit: Hilfreich bei Opioidentzug

07.01.2015 Ein neues Behandlungsprogramm zum Opioidentzug – Mindfulness-Oriented Recovery Enhancement – für Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, kann helfen, den Bedarf nach Opioid-Medikamenten zu reduzieren laut einer im Journal of Behavioral Medicine präsentierten Studie.

Achtsamkeitstechniken

Forscher der Universität Utah entwickelten ein Programm, das Achtsamkeitstechniken anwendet, um Schmerzen und Craving (Gier, Verlangen) zu lindern: Mindfulness-Oriented Recovery Enhancement (MORE – übersetzt etwa: Achtsamkeitsorientierte Verbesserung der Genesung).

Das Programm verbindet die jüngsten Forschungsergebnisse zu Sucht, kognitiver Neurobiologie, positiver Psychologie und Achtsamkeit. Dr. Eric L. Garland und Kollegen sagen, dass das Programm die positiven Emotionen, Belohnungsempfinden und Bedeutung im Leben stärkt.

Die Behandlung

Die Teilnehmer der achtwöchigen Studie erlernten achtsamkeitsorientierte Techniken, in denen sie z.B. gezielt ihre Aufmerksamkeit auf angenehme Erfahrungen wie eine schöne Naturszene, Sonnenuntergang oder das Gefühl der Verbundenheit mit einer geliebten Person lenkten.

In einer Meditationssitzung wurde den Teilnehmern beigebracht, ihr Bewusstsein auf Farben, Texturen und Gerüche eines Blumenstraußes auszurichten und die Freude dieser Erfahrung zu genießen.

Als Teil ihrer täglichen Hausaufgaben sollten sie diese Meditationstechnik üben, indem sie sie auf andere Dinge anwendeten. Diese Achtsamkeitsübungen sollten ihnen ermöglichen, weitere angenehme Lebenserfahrungen zu entdecken und zu genießen.

Erhöhte Gehirnaktivierung

Die Forscher entdeckten, dass die chronischen Schmerzpatienten mit Vorgeschichte eines Opioid-Schmerzmittelmissbrauchs nach dem Ende des Programms eine erhöhte Gehirnaktivierung (EEG) bei natürlichen gesunden Genüssen zeigten.

Je stärker die Aktivierung der Gehirne der Teilnehmer auf natürliche gesunde Freuden, desto geringer war die Sucht der Patienten nach Opioiden bzw. die Symptome des Opioidentzugs ausgeprägt.

Umkehrung der Abstumpfung durch Schmerzmittel

Diese Befunde sind wissenschaftlich von Bedeutung, weil eine der wichtigen Theorien darüber wie und warum Sucht auftritt, behauptet, dass Drogenkonsumenten mit der Zeit in ihrer Erfahrung von Freude im Alltagsleben abstumpfen. Und deshalb brauchen sie immer größere Dosen süchtigmachender Drogen bzw. Medikamente, um Freude zu spüren, sagte Garland.

Diese Studie legt nahe, dass dieser Prozess zurückgedreht werden kann. Wir können den Leuten beibringen, Achtsamkeit einzusetzen, um das Leben mehr zu schätzen und zu genießen. Und so verringert sich das Bedürfnis nach Suchtmitteln. Es ist ein großer Befund und sehr hilfreich im Opioidentzug, sagte er.

Garlands Studie baut auf eine frühere auf, die zeigen konnte, dass MORE-Interventionen den Opioid-Missbrauch bei chronischen Schmerzpatienten im Vergleich mit einer konventionellen Selbsthilfegruppe stärker reduzierten.

© arznei-news.de – Quellen: Universität Utah, Journal of Behavioral Medicine; Dezember 2014

Belohnungssystem des Gehirns normalisiert sich einige Monate nach Opioidentzug

14.01.2015 Einige Monate nach dem Entzug zeigt sich in den Gehirnen von Patienten, die erfolgreich verschreibungspflichtige Opioide (Schmerzmittel) abgesetzt haben, dass das natürliche Belohnungssystem sich normalisiert.

Veränderungen im Belohnungssystem

Forscher um Scott C. Bunce von der Pennsylvania State University erfassten die Veränderungen im Belohnungssystem von Patienten, die sich aufgrund ihrer Abhängigkeit von Opioid-Schmerzmitteln in Behandlung befanden.

Eine Gruppe war kurz zuvor (1-2 Wochen) durch einen medizinisch unterstützten Opioidentzug gegangen. Die zweite Gruppe war bereits seit zwei bis drei Monaten opioidfrei. Eine dritte Gruppe beinhaltete Kontrollteilnehmer.

Nach einem Opioidentzug erfahren viele Opioidabhängige anhaltende Veränderungen in den Belohnungs- und Gedächtnisnetzen. Zum Beispiel können sie verstärkte „Belohnung“ oder „Vergnügen“ als Reaktion auf Drogen und ähnliche Stimuli erfahren, aber auch sehr reduzierte Reaktionen auf natürliche angenehme Reize (wie ein gutes Essen oder Freundschaft).

Rückfallrisiko

Opioide sind potente Stimulatoren des Belohnungszentrums des Gehirns und im Laufe der Zeit passt sich das Gehirn dem hohen Stimulationsniveau – verursacht durch die Opioide – an. Natürliche Stimuli können da nicht mithalten, sagte Bunce.

Solch starke Deregulierung des natürlichen Belohnungssystems kann ein Hauptfaktor für das hohe Rückfallrisiko während der Genesung sein, sagte er im Journal of Addiction Medicine.

Stärkeres Craving

Die Studienergebnisse zeigten mehrere bedeutende Unterschiede im Belohnungssystem des Gehirns zwischen den Gruppen. Patienten, die grade erst ‚entgiftet‘ hatten, zeigten reduzierte Reaktionen auf ’natürliche Belohnungen‘, z.B. auf Bilder von leckeren Nahrungsmitteln oder sich freuende Menschen.

Stattdessen reagierten sie stärker auf medikamentengebundene Hinweise wie Bilder von Tabletten. Die Patienten, die schon längere Zeit erfolgreich ‚clean‘ waren, zeigten jedoch eine stark reduzierte Reaktion auf die Medikamentenbilder.

Normalwerte

Vor kurzem auf Entzug gegangene Patienten hatten auch ein höheres Niveau des Stresshormons Cortisol, welches bei den Teilnehmern der 2. Gruppe schon etwas reduziert war, auch wenn es nicht ganz so niedrig wie bei den Kontrollteilnehmern war. Die erst vor kurzem in den Opioidentzug gegangene Gruppe litt auch unter Schlafstörungen, während der Schlaf in der 2. und 3. Gruppe ähnlich gut war.

Alle diese Änderungen standen mit der Abstinenzzeit in Beziehung. Je länger der Patient keine Opioide eingenommen hatte, desto niedriger waren die anormalen Reaktionen.

Es zeigte sich, dass, wenn der Patient für mehrere Monate in Behandlung und von Medikamenten frei blieb, das natürliche Belohnungssystem des Körpers in Richtung Normalwert zurückzukehren vermag, was es für die Patienten außerhalb des klinischen Settings leichter macht, medikamentenfrei zu bleiben, sagte Bunce.

© arznei-news.de – Quellenangabe: Pennsylvania State University, Journal of Addiction Medicine; Dezember 2014

Klinische Studie verglich Medikamente bei Kontrolle von Opioid-Entzugserscheinungen

21.08.2017 Eine randomisierte klinische Studie verglich Tramadol extended release (ER: verlängerte Freisetzung) mit Clonidin und Buprenorphin zur Kontrolle der Opioid-Entzugserscheinungen bei Patienten mit Opioid-Abhängigkeit in einem ambulanten Setting.

Opioidabhängigkeit

Opioid-Abhängigkeit oder Opioid-Missbrauch ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit, die zu vielen Fällen von Überdosierung und Tod (vor allem in den USA) beigetragen hat.

Entgiftung oder medizinisch überwachter Entzug ist eine weit verbreitete Behandlungsform bei Opioidsucht. Allerdings führt eine nicht angemessene Behandlung der Opioid-Entzugserscheinungen oft dazu, dass die Patienten die Therapie abbrechen.

Clonidin und Buprenorphin sind zwei häufig eingesetzte Medikamente, um den Opioidentzug zu kontrollieren. Tramadol-Hydrochlorid ist eine vielversprechende alternative Option für eine effektive Behandlung von Opioidabhängigkeit laut der in JAMA Psychiatry veröffentlichten Studie.

Kontrolle der Entzugserscheinungen

Dr. Kelly E. Dunn von der Johns Hopkins Universität und Kollegen führten eine randomisierte klinische Studie in einem ambulanten Setting mit 103 Patienten, meist Männer, mit Opioid-Substanzstörung durch.

Während einem siebentägigen Tampering (allmähliche Dosisverringerung) wurden Clonidin, Buprenorphin bzw. Tramadol ER – ein zugelassenes Analgetikum mit niedrigem Missbrauchspotential – eingesetzt.

Die klinische Studie zeigte, dass Tramadol ER die Entzugssymptome besser unterdrückte als Clonidin – und mit Buprenorphin vergleichbar war, schreiben die Forscher.

Die Studienergebnisse müssen nun repliziert werden durch weitere klinische Studien, die nicht nur primär Männer enthalten, und die den zuvorigen 30 Tageskonsum anderer illegaler Drogen und Alkohol erfassen. Außerdem sollte untersucht werden, ob es ein unterschiedliches Rückfallrisiko zwischen Tramadol ER gegenüber anderen Medikamenten gibt, und ob Tramadol ER eingesetzt werden kann, um Patienten beim Wechsel auf eine Naltrexon-Behandlung zu unterstützen, schreiben die Studienautoren.

Die Daten deuten darauf hin, dass Tramadol ER ein vielversprechendes und wertvolles Medikament für die Kontrolle des Opioidentzuges bei Patienten ist, die sich einer Behandlung wegen einer Opioidabhängigkeit unterziehen, schließen die Forscher.

© arznei-news.de – Quellenangabe: Johns Hopkins Universität; JAMA Psychiatry – doi:10.1001/ jamapsychiatry.2017.1838; Juli 2017





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