Psychotherapie unwirksam bei medikamentös behandelten schweren Depressionen

Die Kombination von Psychopharmaka und Psychotherapie führt nicht zu besseren Behandlungsergebnissen bei einer schweren depressiven Störung

Psychotherapie unwirksam bei medikamentös behandelten schweren Depressionen

06.06.2022 Antidepressiva sind das Mittel der ersten Wahl bei schweren Depressionen. Die Einnahme von Antidepressiva wird häufig durch eine Psychotherapie ergänzt. Nun hat eine groß angelegte internationale Studie gezeigt, dass eine zusätzliche psychotherapeutische Behandlung zu einer antidepressiven Medikation die Behandlungsergebnisse bei schwer depressiven Patienten nicht verbessert.

Die auf dem European Congress of Psychiatry vorgestellte Studie ergab außerdem, dass die Patienten mit schweren Depressionen, die zusätzlich mit einer Psychotherapie behandelt wurden, tendenziell jünger, häufiger berufstätig und besser ausgebildet waren und eine weniger schwere Anfangsdepression aufwiesen als diejenigen, die ausschließlich mit Antidepressiva behandelt wurden.

Real-World-Studie

Die neue Praxis-Studie, die an europäischen Patienten mit schweren Depressionen (klinisch bekannt als Major Depressive Disorder, MDD) durchgeführt wurde, hat ergeben, dass etwa jeder dritte mit einem Antidepressivum behandelte Patient auch eine verbale Psychotherapie erhält – eine nicht-pharmakologische Behandlung, bei der die Patienten ihre Erkrankung mit einem qualifizierten Arzt oder Psychotherapeuten besprechen. Etwa ¾ dieser Patienten, die sowohl mit einem Antidepressivum als auch mit einer Psychotherapie behandelt wurden, erhielten eine kognitive Verhaltenstherapie.

Kliniker der European Group for the Study of Resistant Depression mit Sitz in Österreich, Italien, Belgien, Deutschland, Griechenland, Frankreich, Israel und der Schweiz untersuchten die Auswirkungen einer kombinierten Behandlung bei 1.279 schwer depressiven erwachsenen Patienten. Diese Patienten waren angemessen mit antidepressiven Medikamenten behandelt worden. 31,2 % von ihnen hatten anschließend eine zusätzliche Psychotherapie erhalten.

Diejenigen, die eine zusätzliche Psychotherapie erhielten, waren tendenziell jünger, höher gebildet, häufiger berufstätig und hatten ein geringeres Suizidrisiko als Personen, die ausschließlich mit antidepressiven Medikamenten behandelt wurden.

Außerdem traten bei ihnen die schweren Depressionen früher auf, sie hatten häufiger Migräne und Asthma und erhielten niedrigere Tagesdosen an Antidepressiva als die ausschließlich mit Antidepressiva Behandelten.

Der Schweregrad der Depression wurde bei jedem Patienten mit der Hamilton Rating Scale for Depression und der Montgomery and Åsberg Depression Rating Scale gemessen.

Kein Zusatznutzen durch zusätzliche Psychotherapie

Die Forscher stellten fest, dass der Einsatz einer zusätzlichen Psychotherapie nicht zu besseren Behandlungsergebnissen führte.

Der leitende Forscher, Prof. Dr. Siegfried Kasper (Medizinische Universität Wien), sagte:

„Es gibt zwei wesentliche Punkte, die aus unserer Arbeit hervorgehen. Erstens: Wenn man bereits mit Antidepressiva behandelt wurde, scheint eine zusätzliche Psychotherapie nicht zu besseren Behandlungsergebnissen zu führen, auch wenn sie das subjektive Wohlbefinden verbessern kann. Der zweite Punkt ist, dass Patienten mit schweren Depressionen, die eine zusätzliche Psychotherapie erhielten, günstigere soziodemografische und klinische Merkmale aufwiesen als Patienten, die keine zusätzliche Psychotherapie erhielten.“

„Unsere Daten zeigen, dass eine zusätzliche Psychotherapie tendenziell von Patienten mit höherem Bildungsstand und besserer Gesundheit in Anspruch genommen wird, was möglicherweise die bessere Verfügbarkeit von Psychotherapie für sozial und wirtschaftlich besser gestellte Patienten widerspiegelt“.

Die Forscherin Dr. Lucie Bartova (Medizinische Universität Wien) stellte die Arbeit auf dem Europäischen Psychiatriekongress (EPA Virtual Congress) vor:

„Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse und der bestehenden klinischen Leitlinien empfehlen wir Ärzten und Patienten, die empfohlenen Behandlungspfade zu befolgen, um die beste Versorgung für sie zu gewährleisten. Wenn Menschen Zweifel an der Behandlung haben, sollten sie ihren Psychiater aufsuchen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.“

In einer Folgeuntersuchung wurden 292 depressive Patienten, die eine kognitive Verhaltenstherapie erhielten – die empfohlene psychotherapeutische Vorgehensweise bei schweren Depressionen – mit 107 Patienten verglichen, die mit anderen psychotherapeutischen Verfahren wie psychoanalytischer Psychotherapie oder systemischer Psychotherapie behandelt wurden. Die Forscher stellten fest, dass es keinen Unterschied im Behandlungsergebnis gab.

© arznei-news.de – Quellenangabe: European Congress of Psychiatry

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