SSRI-Antidepressiva während Schwangerschaft nicht mit Depressionen beim Kind verbunden

Pränatale Exposition gegenüber selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, Depression und Hirnmorphologie im mittleren Kindesalter

15.06.2022 In einer der ersten Studien, die den Zusammenhang zwischen der Einnahme selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und der Gehirnentwicklung bei Kleinkindern untersuchte, fanden Forscher des Behavioral Research and Imaging Neurogenetics (BRAIN) Lab der Washington University in St. Louis keinen Zusammenhang zwischen der Exposition von Kindern gegenüber diesen Medikamenten im Mutterleib und späteren Depressionen bei Kindern.

Die Studie wurde in der Zeitschrift Biological Psychiatry Global Open Science veröffentlicht.

Für die Untersuchung analysierten die Forscher um Allison Moreau eine Stichprobe von mehr als 10.000 Kindern aus der größten Langzeitstudie zur Gehirnentwicklung in den Vereinigten Staaten, der Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD)-Studie.

Kindesdepression verbunden mit Mutterdepression

Zunächst beobachteten sie bei Kindern, die vorgeburtlich SSRI ausgesetzt waren, einen leichten Anstieg der Depressionsrate, der unabhängig von der familiären Vorgeschichte und dem polygenetischen Risiko des Kindes für Depressionen war. Sie stellten jedoch fest, dass diese Verbindung nicht mehr signifikant war, sobald sie den bekannten Effekt der mütterlichen Depression auf das Kind aus ihrer Analyse herausrechneten.

„Wir fanden heraus, dass eine pränatale SSRI-Exposition nicht mit einer erhöhten Depression verbunden ist, wenn man die aktuelle Depression der Mutter berücksichtigt“, sagte Moreau.

Zusätzlich zu den Verhaltensergebnissen untersuchten die Forscher auch die Gehirnstrukturen der Kinder, um festzustellen, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen der pränatalen SSRI-Exposition und den Veränderungen im sich entwickelnden Gehirn der Kinder gibt. Die Daten zeigten zwar einen Unterschied zwischen Kindern, die im Mutterleib SSRI ausgesetzt waren, und solchen, die dies nicht waren, aber er stand nicht in Zusammenhang mit der Depression der Kinder.

Gehirnveränderungen

Gegenüber SSRI-Antidepressiva exponierte Kinder hatten einen etwas dickeren linken lateralen okzipitalen Kortex und eine etwas größere Oberfläche des linken superioren parietalen Kortex als nicht-exponierte Kinder.

„Bemerkenswert ist, dass die beobachteten Unterschiede im Gehirn gering waren und auch nicht mit der Depression zusammenhingen“, so Moreau. „Es ist unklar, ob diese kleinen Unterschiede irgendeine bedeutsame Folge haben“.

Insgesamt deuten diese Daten darauf hin, dass die Einnahme von SSRI während der Schwangerschaft nicht unabhängig mit einem erhöhten Depressionsrisiko in der mittleren Kindheit (~10 Jahre) verbunden ist, sagt Moreau. Die Daten legen nahe, dass die Depression der Mutter und nicht die Einnahme dieser Antidepressiva eher mit der Depression in der Kindheit zusammenhängt. Das ist ein wichtiger Faktor, den man bei Diskussionen über Schwangerschaft und psychische Gesundheit im Auge behalten sollte, erklärt sie.

Mit dieser Studie ist diese Frage jedoch nicht endgültig geklärt. Die Forscher werden die Gelegenheit haben, diese Kinder zu untersuchen, wenn sie älter werden, da die ABCD-Studie sie bis ins junge Erwachsenenalter begleiten wird. Die Möglichkeit, zu diesen Kindern zurückzukehren und weitere Daten zu erfassen, ist besonders wichtig, da das Durchschnittsalter für das Auftreten von Depressionen bei 19 Jahren liegt.

Viele Menschen fühlen sich in einer Zwickmühle, wenn sie vor medizinischen Entscheidungen stehen, insbesondere während der Schwangerschaft – diese Daten legen nahe, dass das Risiko für Depressionen in der mittleren Kindheit in Verbindung mit pränataler SSRI-Exposition nicht von der Einnahme von SSRI abhalten sollte, sagen die Forscher in einer Erklärung.

© arznei-news.de – Quellenangabe: Biological Psychiatry Global Open Science (2022). DOI: 10.1016/j.bpsgos.2022.02.005

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