Komplexe Benzodiazepinabhängigkeit: Definition

Komplexe dauerhafte Benzodiazepinabhängigkeit – Wenn die Verschreibung von Benzodiazepinen schief geht

08.06.2022 Viele Menschen mit Angstzuständen oder Schlaflosigkeit bekommen eine Klasse von Beruhigungsmitteln verschrieben, die als Benzodiazepine bekannt sind.

Diese Medikamente, die unter den populären Handelsnamen Xanax bzw. Tafil, Valium und Tavor bekannt sind, werden seit den 1970er Jahren häufig verschrieben. Eine Langzeitbehandlung mit diesen Medikamenten wurde jedoch auch mit schwerwiegenden klinischen Risiken in Verbindung gebracht, darunter Stürze, Atemprobleme, kognitive Beeinträchtigungen und schädliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Körperliche Entzugserscheinungen

Viele Ärzte arbeiten inzwischen in angemessener Weise mit den Patienten zusammen, um diese Medikamente abzusetzen, aber das Absetzen selbst führt oft zu einer Reihe neuer Probleme: schwere körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern und Bluthochdruck; gefährliche psychiatrische Zustände wie Depressionen und Suizidgedanken; und das Wiederauftreten der zugrundeliegenden Angstzustände und Schlaflosigkeit, die mit dem Medikament ursprünglich behandelt werden sollten. Die zugrundeliegenden Erkrankungen kehren oft viel schlimmer zurück als zuvor.

Nun hat eine Gruppe von Ärzten und Wissenschaftlern der Oregon Health & Science University und des VA Portland Health Care System einen neuen Begriff für dieses Phänomen geprägt: Komplexe persistente (dauerhafte) Benzodiazepin-Abhängigkeit, oder CPBD.

„Dies ist wirklich eine gefährliche Situation“, sagt Dr. Christopher K. Blazes, Assistenzprofessor für Psychiatrie an der OHSU School of Medicine und Leiter der Suchtpsychiatrie an der OHSU. „Wir wissen jetzt, dass eine langfristige Verschreibung von Benzodiazepinen nur selten angezeigt ist, aber wir stehen immer noch vor dem Problem, dass wir denjenigen, die diese Medikamente jahrelang eingenommen haben, helfen müssen, sie sicher abzusetzen. Der Prozess des Absetzens kann sehr schwierig und sogar gefährlich sein. Wenn die Absetzversuche scheitern, kann es unter Umständen sogar angezeigt sein, wieder mit einer sicheren Dosis zu beginnen.

Blazes und Kollegen veröffentlichten in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry einen Beitrag, der die Komplexe dauerhafte Benzodiazepinabhängigkeit definiert und klinisch einordnet.

Die Prävalenz der Erkrankung wird deutlich werden, wenn Gesundheitsdienstleister beginnen, sie in der klinischen Praxis zu erkennen, so Blazes.

„Die Opioid-Krise hat die Schlagzeilen beherrscht, doch Benzodiazepine sind ein unterschätzter und wichtiger Faktor in der öffentlichen Gesundheitskrise der Todesfälle durch Überdosierung“, schreiben die Autoren.

Physiologische Abhängigkeit, keine Sucht

Alle Patienten, die Benzodiazepine langfristig einnehmen, entwickeln eine physiologische Abhängigkeit von den Medikamenten, d.h. sie entwickeln eine Toleranz, die eskalierende Dosen erfordert, und es entstehen Entzugssymptome, wenn sie die Einnahme der Medikamente beenden.

Aber Abhängigkeit ist etwas anderes als Sucht – der Unterschied, der durch den neuen Begriff CPBD gekennzeichnet ist. Die meisten dieser Patienten leiden nicht an einer Suchterkrankung, die zum Verlust von Arbeitsplatz, Beziehungen oder persönlicher Stabilität führt, sagen die Autoren. Stattdessen definiert die komplexe dauerhafte Benzodiazepinabhängigkeit eine Form der physiologischen Abhängigkeit von Benzodiazepinen, die manchmal Verhaltensweisen beinhaltet, die mit einer Sucht übereinstimmen, sich aber erst während des Absetzprozesses entwickeln.

Die Unterscheidung ist wichtig, weil sich die Behandlung von Sucht von der Behandlung von Abhängigkeit unterscheidet, so Blazes.

„Man sollte keine Sucht diagnostizieren, wenn die Leute nicht süchtig sind“, sagte er. „Menschen, die nicht süchtig sind, sprechen nicht so gut auf psychosoziale und verhaltenstherapeutische Interventionen an, die bei einer Sucht wirksam sind.

Da Benzodiazepine mit einem starken Anstieg der Sterblichkeit in Verbindung gebracht werden, arbeitet Blazes nach eigenen Angaben mit den Patienten daran, diese Medikamente abzusetzen. Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass viele Patienten, denen Benzodiazepine über Monate und sogar Jahre hinweg verschrieben wurden, schwerwiegende Auswirkungen durch das Absetzen der Medikamente erfahren werden.

„Es ist eine Zwickmühle“, sagte Blazes. „Man ist verdammt, wenn man es tut und verdammt, wenn man es nicht tut.“

© arznei-news.de – Quellenangabe: JAMA Psychiatry, 2022; DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2022.1150

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