Auch pflanzliche Mittel sollten mit Vorsicht eingenommen werden

Harmlose Kräutermittel? Ein Fallbericht über ein erworbenes langes QT-Syndrom und Torsade de pointes bei einem Patienten, der pflanzliche Präparate einnahm

16.05.2022 Pflanzliche Präparate mögen natürlich sein, aber das bedeutet nicht, dass sie immer sicher sind.

Ein neuer in Heart Rhythm Case Reports veröffentlichter Fallbericht ist ein Beispiel dafür. Darin wird über einen Patienten berichtet, der nach der Einnahme von Cannabidiol– und Cannabigerol-haltigem Hanföl und Berberin-Präparaten Schwindel und Ohnmacht erlebte und bei dem eine gefährliche Herzrhythmusstörung diagnostiziert wurde.

„Immer mehr Menschen nehmen pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel wegen ihrer potenziellen Nutzen ein. Ihr ’natürlicher‘ Charakter kann jedoch irreführend sein, da diese Präparate allein oder in Kombination mit anderen Nahrungsergänzungsmitteln oder Medikamenten schwerwiegende Nebenwirkungen haben können“, sagte Dr. Elise Bakelants vom Fachbereich für Kardiologie des Universitätsspitals Genf, Schweiz. „Ihre Verwendung sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, und die Dosierungsempfehlungen sollten immer beachtet werden“.

Fallbericht

In der Studie wird der Fall einer 56-jährigen Frau untersucht, die in die Notaufnahme eingeliefert wurde, nachdem sie ohne Vorwarnung Schwindelgefühle und Ohnmacht erlitten hatte. Bei ihr wurde eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung diagnostiziert, nachdem ein EKG kurze Torsade de pointes, d. h. einen von den Herzkammern ausgehenden schnellen Herzschlag, und ein deutlich verlängertes QT-Intervall gezeigt hatte, d. h. das elektrische System des Herzens braucht länger als normal, um sich zwischen den Schlägen wieder zu erholen.

Abgesehen von dem niedrigen Blutdruck waren die körperliche Untersuchung und die Blutuntersuchung der Patientin normal. Die Ärzte konnten als Ursache die pflanzlichen Präparate ausmachen, die sie zur Bewältigung ihres stressigen Arbeitsalltags einnahm. Vier Monate zuvor hatte sie mit der sechsfachen empfohlenen Dosis Hanföl begonnen und kürzlich Berberin hinzugenommen.

Alle pflanzlichen Mittel wurden während ihres Krankenhausaufenthalts abgesetzt, was zu einer allmählichen Verringerung ihres QT-Intervalls führte, bis es sich nach fünf Tagen normalisierte. Bei der dreimonatigen Nachuntersuchung berichtete sie über keine neuen Schwindelanfälle oder Ohnmachtsanfälle, und ihr EKG blieb im normalen Bereich. Da es keine anderen ursächlichen Faktoren gab, bestätigte ihre Rückkehr zur Normalität nachdrücklich, dass die Diagnose die pflanzlichen Präparate mit der Arrhythmie in Verbindung brachte.

Cannabidiol

Die Beliebtheit pflanzlicher Arzneimittel hat in den letzten Jahren rapide zugenommen, insbesondere derjenigen, die CBD (Cannabidiol) enthalten. CBD ist rezeptfrei erhältlich und hat nachweislich entzündungshemmende, antiepileptische, analgetische, angstlösende, antipsychotische und immunmodulierende Eigenschaften.

Es wird als Rohmaterial oder als gebrauchsfertige Produkte (z. B. Kosmetika, Tabakersatzstoffe, Duftöle) angeboten und enthält kein THC (Tetrahydrocannabinol), das die psychotrope Wirkung von Cannabis verursacht.

Berberin

Berberin, das in den Wurzeln, Rhizomen und Stammrinden vieler Heilpflanzen vorkommt, wird in der traditionellen chinesischen und ayurvedischen Medizin häufig zur Behandlung von Infektionen, Durchfall, Typ-2-Diabetes, hohem Cholesterinspiegel und hohem Blutdruck eingesetzt.

Die Zubereitung von pflanzlichen Mitteln, die weithin als harmlose Naturstoffe angesehen werden, ist weitgehend unreguliert. Die genaue Zusammensetzung kann von einem Anbieter zum anderen stark variieren, und die pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Eigenschaften dieser Substanzen sind nicht genau bekannt. Es gibt nur wenige Daten über ihre Wirksamkeit, Toxizität und ihr Potenzial für Wechselwirkungen. Folglich ist es nicht immer möglich, ihre negativen Folgen vorherzusehen.

Dr. Bakelants rät Patienten und Ärzte, sich über mögliche Nebenwirkungen zu informieren, die Dosierungsempfehlungen zu beachten und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten in Betracht zu ziehen, insbesondere bei Patienten mit einer zugrundeliegenden Herzerkrankung oder solchen, die bereits QT-verlängernde Medikamente einnehmen.

© arznei-news.de – Quellenangabe: HeartRhythm Case Reports (2022). DOI: 10.1016/j.hrcr.2022.03.018

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