Steroide: Struktur- und Volumenveränderungen im Gehirn

Zusammenhang zwischen der Einnahme von systemischen und inhalativen Glukokortikoiden und Veränderungen des Gehirnvolumens und der Mikrostruktur der weißen Substanz

Steroide: Struktur- und Volumenveränderungen im Gehirn

31.08.2022 Die Verwendung von verschriebenen Steroiden, auch in Inhalatoren, steht in Zusammenhang mit Veränderungen der Struktur und des Volumens der weißen und grauen Substanz im Gehirn laut den Ergebnissen einer in BMJ Open veröffentlichten Studie.

Die gefundenen Zusammenhänge könnten dazu beitragen, die neuropsychiatrischen Auswirkungen wie Angst, Depression, Manie und Delirium zu erklären, die häufig nach langfristigem Gebrauch auftreten, so die Forscher.

Aufgrund ihrer immunsuppressiven Eigenschaften gehören Glucocorticoide (Glukokortikoide), eine Klasse synthetischer Steroide, zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Sie werden zur Behandlung einer Reihe von Erkrankungen eingesetzt.

Die Studie

Die Forscher untersuchten Daten der britischen Biobank, die eine halbe Million 40- bis 69-Jährige aus der Allgemeinbevölkerung umfasst, um festzustellen, ob es nachweisbare Unterschiede im Hirnvolumen und in der Hirnstruktur zwischen Nutzern und Nichtnutzern von systemischen und inhalativen Steroiden gibt.

Die Forscher wollten auch herausfinden, ob die Einnahme von Steroiden mit Unterschieden in der Verarbeitungsgeschwindigkeit und den emotionalen Reaktionen in Verbindung gebracht werden kann.

Die MRT-Gehirnscans von 222 Personen, die systemische Steroide einnahmen, und 557, die inhalative Steroide verwendeten, wurden mit denen von 24.106 Personen verglichen, die keine Steroide einnahmen.

Bei keinem der Studienteilnehmer waren zuvor neurologische, psychiatrische oder hormonelle (endokrinologische) Störungen diagnostiziert worden, und keiner hatte stimmungsverändernde Medikamente wie Antidepressiva eingenommen.

Die Teilnehmer gaben Auskunft über bestimmte Aspekte ihrer Stimmung in den vorangegangenen zwei Wochen mittels eines Fragebogens.

Struktur der weißen Substanz

Der Vergleich der Ergebnisse der MRT-Scans zeigte, dass sowohl die systemische als auch die inhalative Einnahme von Steroiden mit einer weniger intakten Struktur der weißen Substanz verbunden war als bei denjenigen, die diese Medikamente nicht einnahmen. Die weiße Substanz spielt eine Rolle bei der neuronalen Konnektivität und Signalübertragung im Gehirn.

Die Auswirkungen waren bei systemischen Anwendern größer als bei Anwendern von inhalativen Steroiden. Eine weitere detaillierte Analyse deutete darauf hin, dass die Auswirkungen bei Langzeitanwendern sogar noch größer sein könnten.

Graue Substanz: Caudatus und Amygdala

Die systemische Anwendung wurde mit einem größeren Caudatus im Vergleich zur Nicht-Anwendung in Verbindung gebracht, während der Einsatz inhalativer Steroide mit einer kleineren Amygdala verbunden war. Sowohl der Caudatus als auch die Amygdala sind Strukturen der grauen Substanz im Gehirn, die an der kognitiven und emotionalen Verarbeitung beteiligt sind.

Systemische Steroidanwender schnitten auch bei einem Test zur Messung der Verarbeitungsgeschwindigkeit schlechter ab als Nichtanwender, und sie berichteten über deutlich mehr depressive Symptome, Apathie, Unruhe und Fatigue/Lethargie als Nichtanwender. Benutzer von inhalativen Steroiden berichteten nur über mehr Fatigue/Lethargie, und zwar in geringerem Maße als Benutzer von systemischen Steroiden.

Kausalität und Einschränkungen

„Obwohl ein kausaler Zusammenhang zwischen Glukokortikoidgebrauch und Veränderungen im Gehirn auf der Grundlage der vorliegenden und früherer Studien wahrscheinlich ist, erlaubt der Querschnittscharakter dieser Studie keine formalen Schlussfolgerungen zur Kausalität“, bemerken die Forscher.

Sie weisen auch auf bestimmte Einschränkungen hin. Es wurden nur einige wenige Indikatoren für Stimmungsschwankungen bewertet, und auch nur für die letzten zwei Wochen; und die gemeldeten Veränderungen könnten eher mit der Erkrankung zusammenhängen, für die die Steroide verschrieben wurden, als mit der Steroideinnahme selbst.

Auch waren die Forscher nicht in der Lage, zwischen Steroidtabletten und Infusionen für systemische Anwender zu unterscheiden, was die Ergebnisse hätte beeinflussen können.

Aber sie schreiben: „Während es unklar bleibt, ob die beobachteten Effektgrößen klinische Konsequenzen für die Gesamtpopulation der Glukokortikoidbenutzer haben, sind diese Ergebnisse angesichts der häufigen neuropsychiatrischen Nebenwirkungen von synthetischen Glukokortikoiden bemerkenswert.“

Und sie schließen: „Diese Studie zeigt, dass sowohl systemische als auch inhalative Glukokortikoide mit einer offenbar weit verbreiteten Verringerung der Integrität der weißen Substanz verbunden sind, was zum Teil den neuropsychiatrischen Nebenwirkungen zugrunde liegen könnte, die bei mit Glukokortikoiden behandelten Patienten beobachtet werden.“

© arznei-news.de – Quellenangabe: BMJ Open (2022). DOI: 10.1136/bmjopen-2022-062446

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