Antidepressiva-Absetzsyndrom

Studie: Längerer Gebrauch von Antidepressiva erzeugt körperliche Abhängigkeit

21.02.2020 Patienten, die seit Jahren Antidepressiva einnehmen, sollten sich überlegen, ob sie die Medikamente nicht besser absetzen sollten. Forscher sagen jedoch, dass sie aufgrund einer körperlichen Abhängigkeit wahrscheinlich schwierige und sogar gefährliche Entzugserscheinungen haben können.

Langsames ‘Ausschleichen’

Am besten ist es, einen Tapering-Zeitplan zum Absetzen (langsames ‘Ausschleichen’) zu befolgen, während man im Kontakt mit einem Arzt bleibt, so die im Journal of the American Osteopathic Association veröffentlichte Studie. Es ist fast nie ratsam, die Medikamente sofort ganz abzusetzen.

Körperliche und psychische Absetzsymptome

Patienten, die ihre Medikamente absetzen, leiden häufig unter dem Antidepressiva-Absetzsyndrom (ADS; SSRI-Absetzsyndrom), das grippeähnliche Symptome, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Ungleichgewicht, sensorische Störungen, die oft als Elektroschocks oder “Hirnzappen” beschrieben werden, und Hyperarousal (Übererregbarkeit, Überempfindlichkeitsreaktionen) umfasst.

Ältere Antidepressiva der ersten Generation sind oft mit zusätzlichen Risiken für schwerwiegendere Symptome beim Absetzen verbunden, darunter Aggressivität, Katatonie, kognitive Beeinträchtigung und Psychosen. Das Absetzen von Antidepressiva birgt auch das Risiko einer allmählichen Verschlechterung oder eines Rückfalls von Depressionen und Angstzuständen sowie von Suizidgedanken.

Lange Zeit der Einnahme

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht der CDC besagt, dass ein Viertel der Antidepressiva einnehmenden Personen die Medikamente seit einem Jahrzehnt oder länger verwenden. Studienautorin Mireille Rizkalla von der Midwestern University sagt, dass Patienten und Ärzte sich übermäßig auf Antidepressiva verlassen, ohne sich um die Langzeitfolgen zu kümmern.

Sie fügt hinzu, dass Antidepressiva, obwohl sie relativ sicher sind, auch Nebenwirkungen haben können, darunter Gewichtszunahme, sexuelle Funktionsstörungen und emotionale Dämpfung. Sie mahnt auch zur Vorsicht, da die Evidenz für die Risikofaktoren von Antidepressiva auf der kurzfristigen Einnahme beruht, und sie schreibt, dass es keine ausreichenden Längsschnittstudien über die neurologischen Auswirkungen der Einnahme von Antidepressiva über Jahrzehnte gibt.

Rizkalla und ihre Koautoren haben einen Zeitplan für das Ausschleichen für verschiedene Klassen von Antidepressiva und die jeweiligen möglichen Symptome des Antidepressiva-Absetzsyndroms erstellt. Sie betont jedoch, dass die Patienten vor und während des gesamten Prozesses ihren Arzt konsultieren sollten, um ihre Absetzsymptome und Fortschritte zu überwachen.

Empfohlenes Ausschleichen *** Absetz-Symptome

MAO-Hemmer: Phenelzin

Reduktion um 15 mg alle 2 Wochen oder 10% pro Woche

Absetzsymptome: Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, myoklonische Zuckungen, Erregung, Katatonie, Delirium, Wahnvorstellungen, Halluzinationen (zu Phenelzin)

Trizyklika (Amitriptylin, Clomipramin, Desipramin, Doxepin, Imipramin, Nortriptylin)

Allmählich über 3 Monate

Absetzsymptome: Grippeähnliche Symptome, Kopfschmerzen, Lethargie, Schlaflosigkeit, Schwindel, Übelkeit, Akathisie, Parkinsonismus, Tremor, Aufregung, Angst, schlechte Stimmung

SSRI: Fluoxetin

Allmähliches Ausschleichen im Allgemeinen unnötig aufgrund langer Halbwertszeit und aktiver Metaboliten

Absetzsymptome: Grippeähnliche Symptome, Kopfschmerzen, Lethargie, Bauchschmerzen, Durchfall, Schlaflosigkeit, Schwindel, Übelkeit, Unausgeglichenheit, ‘Elektroschocks’, Reizbarkeit, Angst, schlechte Stimmung  

SSRI: Paroxetin

Reduktion von 10 mg alle 5-7 Tage mit einer Enddosis von 5-10 mg/Tag vor dem Absetzen  

Absetzsymptome: s. SSRI Fluoxetin

SSRI: Sertralin

Reduktion von 50 mg alle 5-7 Tage mit einer letzten Dosis von 25-50 mg/Tag vor dem Absetzen

Absetzsymptome: s. SSRI Fluoxetin

SNRI: Venlafaxin

Reduktion von 25 mg alle 5-7 Tage mit einer Enddosis von 25-50 mg/Tag vor dem Absetzen

Absetzsymptome: Influenzaähnliche Symptome, Kopfschmerzen, Lethargie, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Schwindel, ‘Zaps’, Angstzustände, Niedergeschlagenheit

© arznei-news.de – Quellenangabe: The Journal of the American Osteopathic Association, DOI: 10.7556/jaoa.2020.030.



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